Deutsche Exporte sortieren sich neu. Die beiden größten Einzelmärkte der vergangenen Jahrzehnte, die USA und China, verlieren an Gewicht, während europäische Nachbarn und neue Freihandelspartner aufholen. Die Zahlen des Statistischen Bundesamts zeigen diesen Wandel inzwischen deutlich.
Gleichzeitig hellt sich die Stimmung auf. Die Exporterwartungen der Industrie haben im Oktober 2026 den höchsten Stand seit Februar 2022 erreicht, und das Auslandsgeschäft trägt einen großen Teil der konjunkturellen Erholung.
Für dich als Mittelständler stellt sich die Frage: Auf welche Märkte setzt du in den kommenden Jahren? Dieser Report zeigt dir die aktuellen Daten, die wichtigsten Verschiebungen und fünf Strategien gegen riskante Abhängigkeiten.
Deutsche Exporte in Zahlen: Stand 2026
Kurz gesagt: Deutsche Exporte erreichten 2025 einen Wert von 1.563 Milliarden Euro und wuchsen damit nur um 0,9 Prozent. Im ersten Halbjahr 2026 zogen sie um 3,9 Prozent an. Die USA bleiben größter Abnehmer, verlieren aber deutlich, während Frankreich und die Niederlande zulegen und China weiter zurückfällt.
Die wichtigsten Kennzahlen laut Destatis-Jahresbilanz 2025 und Halbjahreszahlen 2026:
Exporte 2025: 1.563,0 Milliarden Euro, plus 0,9 Prozent. Die Importe stiegen um 4,3 Prozent auf 1.362,5 Milliarden Euro.
Exportüberschuss 2025: 200,5 Milliarden Euro, rund 42 Milliarden weniger als im Vorjahr.
Erstes Halbjahr 2026: Exporte von 817,8 Milliarden Euro, plus 3,9 Prozent zum Vorjahreszeitraum.
August 2026: Ausfuhren von 137,6 Milliarden Euro, saisonbereinigt 0,8 Prozent weniger als im Juli, aber 6,2 Prozent mehr als ein Jahr zuvor.
Die Zahlen beziehen sich auf den Warenhandel. Dienstleistungsexporte wie Software, Ingenieurleistungen oder Lizenzen erfasst die Bundesbank getrennt.
Die großen Verschiebungen bei den Absatzmärkten
Hinter den Gesamtzahlen verbergen sich kräftige Bewegungen zwischen den Ländern. Drei Entwicklungen stechen heraus.
USA: Größter Kunde mit sinkendem Gewicht
Die USA blieben 2025 mit 146,2 Milliarden Euro das wichtigste Ziel für deutsche Exporte, die Lieferungen sanken aber um 9,4 Prozent. Besonders hart traf es die Autoindustrie: Die Ausfuhren von Kraftfahrzeugen und Teilen in die USA fielen um 17,8 Prozent auf 28,5 Milliarden Euro.
Im ersten Halbjahr 2026 setzte sich der Rückgang mit minus 6,1 Prozent fort. Im August lagen die US-Exporte zwar 22,6 Prozent über dem schwachen Vorjahresmonat, gegenüber Juli sanken sie aber um 6,3 Prozent. Die Ursache ist vor allem die unberechenbare Zollpolitik, die wir in unserer Analyse zu US-Zöllen und den Reaktionen des Mittelstands ausführlich beleuchten.
China: Vom Wachstumsmarkt zum Konkurrenten
China ist 2025 mit einem Handelsvolumen von 251,8 Milliarden Euro wieder Deutschlands wichtigster Handelspartner geworden, allerdings nur wegen der Importe. Die Exporte nach China sanken um 9,7 Prozent auf 81,3 Milliarden Euro, im ersten Halbjahr 2026 um weitere 12,2 Prozent.
China fiel damit auf Rang neun der Exportziele. Das Defizit im Handel mit China wuchs im ersten Halbjahr auf 52,7 Milliarden Euro. Viele Güter, die früher aus Deutschland kamen, produziert das Land heute selbst und exportiert sie zunehmend auf Drittmärkte.
Europa: Die Nachbarn tragen das Wachstum
Die Gewinner sitzen vor der Haustür. Im ersten Halbjahr 2026 stiegen die Exporte nach Frankreich um 7,6 Prozent auf 63,2 Milliarden Euro und in die Niederlande um 9,0 Prozent auf 60,5 Milliarden Euro. Mehr als die Hälfte der deutschen Ausfuhren geht inzwischen in die EU.
Auch außerhalb der EU gibt es Lichtblicke. Die Ausfuhren nach Großbritannien stiegen im August gegenüber dem Vormonat um 16,7 Prozent auf 7,9 Milliarden Euro. Einzelne Monatswerte schwanken stark, doch der Trend zu europäischen Partnern ist eindeutig.
Diese Nähe hat Vorteile: kurze Lieferwege, gemeinsamer Binnenmarkt, keine Zölle. Sie birgt aber auch Risiken, wie die Haushaltsprobleme in Frankreich zeigen, die Ökonomen derzeit als neues Abwärtsrisiko einstufen.
Der Hamburger Hafen ist eines der wichtigsten Tore für den deutschen Außenhandel.
Welche Güter deutsche Exporte heute tragen
Auch bei den Produkten verschieben sich die Gewichte. Die klassischen Paradedisziplinen stehen unter Druck, während neue Wachstumsfelder entstehen:
Kraftfahrzeuge und Teile: Mit 124,7 Milliarden Euro im ersten Halbjahr 2026 weiterhin das größte Exportgut, aber minus 5,8 Prozent.
Maschinen: 107,7 Milliarden Euro, ein leichtes Minus von 0,9 Prozent.
Elektronik und Elektrotechnik: Datenverarbeitungsgeräte, elektronische und optische Erzeugnisse legten zu, getragen vom weltweiten KI-Boom.
Chemie und Pharma: Chemische Erzeugnisse wuchsen. Pharmazeutische Produkte waren 2025 mit 28,0 Milliarden Euro fast so wichtig für das US-Geschäft wie Autos.
Für Zulieferer heißt das: Wer an Elektrotechnik, Rechenzentren oder Energieinfrastruktur liefert, findet wachsende Märkte. Wer stark an der Autoindustrie hängt, sollte sein Kundenportfolio breiter aufstellen, denn deutsche Exporte von Fahrzeugen dürften auch 2027 unter Druck bleiben.
Zölle, Energie, Wettbewerb: Was deutsche Exporte bremst
Die Nachfrage aus dem Ausland ist da, doch drei Faktoren erschweren das Geschäft. Sie erklären, warum die Erholung im Außenhandel bisher holprig verläuft.
US-Handelspolitik: Im Februar 2026 erklärte der Supreme Court die auf ein Notstandsgesetz gestützten Zölle für unzulässig. Washington reagierte zunächst mit einem befristeten globalen Ersatzzoll von 10 Prozent, seit Ende Juli gelten neue Zusatzzölle auf Grundlage von Section 301. Die Branchenzölle von bis zu 50 Prozent auf Stahl, Aluminium und Kupfer blieben bestehen. Die Regeln ändern sich seitdem häufig, was Kalkulationen erschwert.
Energiekosten: Nach dem Iran-Krieg sind Öl und Gas deutlich teurer. Das trifft energieintensive Exportbranchen wie Chemie, Metall und Papier im internationalen Wettbewerb besonders hart.
Chinesische Konkurrenz: Chinesische Hersteller drängen mit günstigen Autos, Maschinen und Elektrotechnik auf Drittmärkte, auf denen deutsche Unternehmen bisher stark waren.
Hinzu kommen Engpässe bei der Logistik. Niedrigwasser auf dem Rhein hat im Herbst 2026 Transporte verteuert und die Produktion in der Chemie gebremst. Wer exportiert, sollte deshalb Lieferzeiten und Transportwege großzügiger planen.
Stimmung und Ausblick: Exporterwartungen auf Mehrjahreshoch
Der Blick nach vorn ist freundlicher als die Bilanz. Die ifo-Exporterwartungen stiegen im Oktober 2026 von 9,0 auf 12,2 Punkte. Treiber war die Autoindustrie, deren Erwartungen innerhalb eines Monats von minus 15,1 auf plus 12,7 Punkte sprangen.
Am optimistischsten zeigen sich die Getränkehersteller. Es folgen Datenverarbeitung, Elektrotechnik, Textil und Maschinenbau. Chemie und Papier bleiben wegen hoher Energiepreise leicht im negativen Bereich.
Was deutsche Exporte 2027 erwartet
Die Bundesregierung erwartet für 2026 ein reales Exportplus von 3,7 Prozent, danach eine Abschwächung. Was die Stimmungsindikatoren aussagen, erklärt unser Beitrag zum ifo-Geschäftsklima, das gesamtwirtschaftliche Bild liefert die Konjunkturprognose 2027.
Ein Teil des Schubs von 2026 war ein Sondereffekt: Kunden im Ausland stockten wegen der Golf-Krise ihre Lager mit energieintensiven Grundstoffen auf. Dieser Effekt läuft aus. Deutsche Exporte brauchen 2027 deshalb echte neue Nachfrage, etwa aus Infrastrukturprogrammen in Europa, dem KI-Boom und den neuen Freihandelsmärkten.
Neue Märkte: Mercosur, Indien und die Nachbarschaft
Die Handelspolitik der EU öffnet derzeit neue Türen. Für deutsche Exporte sind vor allem zwei Abkommen relevant:
Mercosur: Das Abkommen mit Argentinien, Brasilien, Paraguay und Uruguay wurde im Januar 2026 unterzeichnet, der Handelsteil gilt seit dem 1. Mai 2026 vorläufig. Zölle auf rund 91 Prozent der gehandelten Waren sollen fallen, teils mit Übergangsfristen. Für Autos lag der Zoll bisher bei 35 Prozent.
Indien: Die Verhandlungen wurden am 27. Januar 2026 abgeschlossen, in Kraft ist das Abkommen noch nicht. Geplant ist unter anderem, den Autozoll für ein Kontingent schrittweise von 110 auf 10 Prozent zu senken und Zölle auf Maschinen und Chemie weitgehend abzuschaffen.
Hintergründe zum Mercosur-Abkommen bietet das Bundeswirtschaftsministerium. Wichtig für die Praxis: Die Zollvorteile gibt es nur mit einem gültigen Ursprungsnachweis.
Parallel verlagern viele Unternehmen Produktion und Beschaffung näher an ihre Kunden. Wie Zulieferer ihre Lieferketten verkürzen, zeigt unser Report zum Nearshoring in Europa.
Kraftfahrzeuge und Teile bleiben das größte Exportgut, verlieren in den USA aber deutlich.
5 Strategien für deinen Exporterfolg
Deutsche Exporte bleiben ein Erfolgsmodell, aber nur für Unternehmen, die sich an die neue Landkarte anpassen. Diese fünf Schritte helfen dir dabei:
1.
Abhängigkeiten messen: Berechne, welcher Anteil deines Umsatzes auf einzelne Länder und Kunden entfällt. Liegt ein Markt deutlich über einem Viertel, solltest du gezielt diversifizieren.
2.
Europa zuerst ausbauen: Die Nachbarländer wachsen, sind zollfrei und schnell erreichbar. Sie eignen sich als erster Schritt vor dem Sprung in ferne Märkte.
3.
Freihandelsabkommen nutzen: Prüfe, ob deine Produkte in Südamerika oder Indien von sinkenden Zöllen profitieren, und kläre die Ursprungsregeln frühzeitig.
4.
Währungsrisiken absichern: Wer außerhalb des Euroraums verkauft, trägt Wechselkursrisiken. Wie du sie steuerst, erklärt unser Praxisbeitrag zum Euro-Dollar-Kurs.
5.
Unterstützung holen: Außenhandelskammern, Industrie- und Handelskammern und staatliche Exportförderung helfen bei Marktanalyse, Partnersuche und Absicherung.
Fazit: Breiter aufstellen statt auf alte Stärken hoffen
Deutsche Exporte stehen nicht vor dem Absturz, aber vor einem Umbau. Die USA bleiben wichtig, sind aber politisch unberechenbar geworden. China entwickelt sich vom Kunden zum Konkurrenten, während Europa und neue Partner an Bedeutung gewinnen.
Für den Mittelstand liegt darin eine Chance. Wer seine Märkte breiter streut, macht sich unabhängiger von Zöllen und Konflikten und kann von der aktuellen Aufhellung der Exporterwartungen profitieren.
Die stärksten Exporteure der nächsten Jahre sind nicht die größten, sondern die am besten diversifizierten.
Häufige Fragen zu deutschen Exporten
Wie hoch sind die deutschen Exporte?
Im Jahr 2025 exportierte Deutschland laut Statistischem Bundesamt Waren im Wert von 1.563,0 Milliarden Euro, ein Plus von 0,9 Prozent. Die Importe stiegen auf 1.362,5 Milliarden Euro, der Exportüberschuss sank auf 200,5 Milliarden Euro. Im ersten Halbjahr 2026 legten die Ausfuhren um 3,9 Prozent auf 817,8 Milliarden Euro zu.
Wohin gehen deutsche Exporte am häufigsten?
Wichtigstes Abnehmerland waren 2025 die USA mit 146,2 Milliarden Euro, gefolgt von Frankreich mit 117,4 Milliarden Euro und den Niederlanden mit 112,5 Milliarden Euro. China lag bei den Exporten nur auf Rang sechs, ist aber wegen der hohen Importe insgesamt wieder Deutschlands wichtigster Handelspartner. Gut die Hälfte der Ausfuhren geht in die EU.
Warum sinken die Exporte nach China?
China produziert viele Güter inzwischen selbst, die früher aus Deutschland kamen, etwa Autos und Maschinen. Hinzu kommen eine schwache Binnennachfrage und politische Spannungen. 2025 sanken die Ausfuhren nach China um 9,7 Prozent, im ersten Halbjahr 2026 um weitere 12,2 Prozent. China fiel damit auf Rang neun der Exportziele zurück.
Welche neuen Märkte sind für deutsche Exporteure interessant?
Kurzfristig wachsen vor allem europäische Nachbarn wie Frankreich und die Niederlande. Mittelfristig eröffnen Freihandelsabkommen neue Chancen: Das Abkommen mit dem Mercosur gilt seit Mai 2026 vorläufig, die Verhandlungen mit Indien sind seit Januar 2026 abgeschlossen. Dort fallen hohe Zölle auf Autos, Maschinen und Chemie schrittweise weg.
Lohnt sich die Erschließung neuer Exportmärkte für den Mittelstand?
In vielen Fällen ja, wenn du strukturiert vorgehst. Wer stark von einem Land abhängt, ist Zöllen und politischen Risiken ausgeliefert. Starte mit einer Marktanalyse, nutze Beratung durch Außenhandelskammern und Förderprogramme und teste neue Märkte mit Partnern vor Ort. So verteilst du Risiken, ohne dich finanziell zu überfordern.
