Nach dem Preisschock von 2022 und 2023 hat sich die Teuerung deutlich beruhigt. Ein Blick in die Details zeigt jedoch eine Verschiebung: Die Inflationsrate in Deutschland wird inzwischen vor allem von Dienstleistungen getragen, während Waren und Energie kaum noch zulegen. Für Unternehmen hat das Folgen bei Kalkulation, Lohnverhandlungen und Preispolitik.
Zwei Geschwindigkeiten bei den Preisen
Der Verbraucherpreisindex des Statistischen Bundesamts setzt sich aus vielen Gütergruppen zusammen. Bei Industriegütern hat sich die Lage entspannt, weil Lieferketten wieder funktionieren, Rohstoffe günstiger geworden sind und der internationale Wettbewerb Preisdruck ausübt. Auch Energiepreise sind von ihren Höchstständen deutlich zurückgegangen.
Anders bei Dienstleistungen: Ob Versicherung, Reparatur, Gastronomie, Pflege oder Wartung, hier steigen die Preise spürbar schneller. Diese Teuerung erweist sich als zäh, weil sie stark von inländischen Kosten abhängt.
Warum Dienstleistungen die Inflationsrate in Deutschland treiben
Der wichtigste Grund sind die Löhne. In Dienstleistungsbranchen machen Personalkosten einen großen Teil der Gesamtkosten aus. Steigende Tariflöhne, Inflationsausgleichsprämien in den Vorjahren und die Anhebungen des Mindestlohns schlagen deshalb unmittelbar auf die Preise durch. Der gesetzliche Mindestlohn steigt zum 1. Januar 2026 auf 13,90 Euro und zum 1. Januar 2027 auf 14,60 Euro pro Stunde.
Hinzu kommt, dass sich Produktivität in vielen Dienstleistungen schwerer steigern lässt als in der Industrie. Ein Friseur oder eine Pflegekraft kann nicht beliebig mehr Kunden pro Stunde betreuen. Gleichzeitig verstärkt der Fachkräftemangel den Lohndruck, weil Betriebe um knappes Personal konkurrieren. Auch regulierte Preise, etwa bei Versicherungen oder öffentlichen Dienstleistungen, passen sich oft mit Verzögerung an.
Folgen für Löhne und Kalkulation
Für Arbeitgeber bedeutet das eine anhaltende Lohndynamik. Beschäftigte orientieren sich an den Preisen, die sie im Alltag spüren, und gerade Dienstleistungen wie Mieten, Versicherungen oder Kinderbetreuung prägen diese Wahrnehmung. Unternehmen sollten ihre Kostenplanung deshalb nicht allein an der Gesamtinflationsrate ausrichten. Hilfreich sind folgende Schritte:
- Den eigenen Kostenmix analysieren: Wie hoch ist der Anteil von Personal und eingekauften Dienstleistungen?
- In Verträgen mit Kunden Preisgleitklauseln auf geeignete Indizes beziehen, etwa Lohn- statt Verbraucherpreisindizes
- Lieferantenverträge für Wartung, Reinigung oder IT auf automatische Preisanpassungen prüfen
- Produktivität bei personalintensiven Prozessen durch Digitalisierung und Automatisierung erhöhen
Was das für die Geldpolitik heißt
Ein Sonderfall sind Mieten und Wohnkosten. Sie haben im Index ein hohes Gewicht und reagieren nur langsam auf die Marktlage. Für Arbeitgeber in Ballungsräumen bedeutet das zusätzlichen Druck, da Beschäftigte steigende Wohnkosten in Gehaltsgesprächen geltend machen. Manche Unternehmen reagieren mit Zuschüssen zu Mobilität oder Wohnen, die steuerlich teils begünstigt sind.
Die Europäische Zentralbank beobachtet die Dienstleistungsinflation besonders genau, weil sie als Indikator für den hausgemachten Preisdruck gilt. Solange sie hoch bleibt, sind weitere Zinssenkungen schwerer zu begründen. Für Unternehmen heißt das, nicht mit einem schnellen Rückgang der Finanzierungskosten zu rechnen.
Die Gesamtinflation mag moderat erscheinen, die Kostenstruktur vieler Betriebe verändert sich aber weiter. Wer personalintensiv arbeitet, sollte die Lohnentwicklung als dauerhafte Größe in seine Preis- und Budgetplanung einbauen und rechtzeitig mit Kunden über Anpassungen sprechen.

